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Geschichte

Der etwas andere Hauptbahnhof

Jena-Göschwitz ist eng mit der industriellen Entwicklung Jenas verbunden. Lange Zeit war das Bahn-Kreuz im Süden Jenas ein wichtiger Umschlagplatz  für Güter und Rohstoffe.  Seit am Bahnhof auch die Straßenbahnen des Nahverkehrs halten, erlebt Göschwitz einen Aufschwung im Personenverkehr. Mit der Straßenbahn fahrend die Jenaer zwei Minuten bis nach Lobeda und 14 Minuten bis in die Innenstadt von Jena. Der Bahnhof am größten Gewerbegebiet Jenas ist heute auch ein Tor zur Stadt.

Eisenbahn-Idylle um 1880.

Jena-Göschwitz auf einer Postkarten-Ansicht um 1899.

Der Bahnhof  wurde am 1. Juli 1876 eröffnet, und bereits in den folgenden Jahren gingen Anschlussgleise zur Holzfabrik in Burgau  oder zur Zementfabrik der Firma Prüssing in Betrieb. Laut Gebäudezeichnungen der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft, Amt Jena, hatte der Bahnhof im Jahre 1926 zwei Warteräume: einen großen Saal für Reisende 3. und 4. Klasse und einen kleineren für Reisende 1. und 2. Klasse. Daneben stand auch ein 25 Quadratmeter großer Speisesaal zur Verfügung. Der Bahnhofsinspektor hatte seine Wohnung im Obergeschoss des mittleren Gebäudeteils. Im Seitenflügel gab es oben Unterkünfte für die Mitarbeiter des Bahnhofswesens. Der Keller ist so massiv gebaut, wie es bei der Eisenbahn damals üblich war. Als Folge des 1. Weltkrieges wurde ein Teil des Kellers zum Luftschutzraum mit Gasschleuse umgebaut.

Der Bahnhof um 1930. Links das frühere Postgebäude.

Wasserkräne standen früher auch in Göschwitz. Um 1930 befand sich links ein Postamt.

Das größte Güterverkehrsaufkommen erlebte Göschwitz in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Fertigteile aus dem Göschwitzer Betonplattenwerk wurden per Zug in die Hauptstadt Berlin transportiert, und der enorme Warenumschlag für das Kombinat Carl Zeiss Jena machte den Bau eines Container-Umschlagplatzes östlich des damaligen Gleises 22 (!) erforderlich. Nicht zu vergessen, die Züge mit Braunkohle, die über die Anschlussbahn  das Heizkraftwerkes Süd erreichten, das von Winzerla aus einen Großteil der Einwohner Jenas und die Industrie mit Fernwärme versorgte. Sechs Ganzzüge mit mehr als 5000 Tonnen Kohle waren das pro Tag.

Seit 2010 Jena-Göschwitz

Zeitweise waren weit mehr als 100 Eisenbahner im und am Bahnhof Göschwitz beschäftigt. Sie arbeiteten im Stellwerk und im Gleisbautrupp, kümmerten sich um Bahnhofsaufsicht, Fahrkartenverkauf oder Gepäckabfertigung.  Der Lokbahnhof, der Rangierdienst und die Anschlussbahn waren weiterer Einsatzorte. Natürlich hatte der Bahnhof eine „Mitropa“: Die morgens verkauften belegten Brötchen und die Soljanka waren legendär. Der heutige Ortsteilbürgermeister Neulobedas, Volker Blumentritt, war hier viele Jahre Koch. Im Dezember 2010 erfolgte auf Drängen der Stadt Jena die Umbenennung des Bahnhofs. Seitdem halten die Züge nicht mehr in „Göschwitz (Saale)“, sondern  in „Jena-Göschwitz“.

Züge sah das Bahnhofsgebäude eine Menge: Personenzüge und Eilzüge machten Station in Göschwitz, der Schnellverkehr fuhr oder fährt meist vorbei wie in den 30er Jahren die „Fliegenden Züge“ der Reichsbahn oder seit Januar 2000 der ICE-T der Deutschen Bahn. Einige Züge blieben länger in Göschwitz stehen: Der Schlafwagenzug Berlin – München legte nach der Jahrtausendwende immer nachts einen halbstündigen „Schlafhalt“ in Göschwitz ein, damit die Reisenden nicht zu früh am Morgen in der bayrischen Landeshauptstadt ankamen. Und der Ausstellungszug „Science Express“ stand im Jahre 2009 drei Tage lang am Hausbahnsteig 4 des Bahnhofs.

Zugtafel von IC 2656

Zuglaufschild aus dem Jahre 2004: Es gab mal eine Direktverbindung von Göschwitz nach Frankfurt/Main.

Vor gut 100 Jahren war ein Schnellzug von Aachen nach Wien  das Highlight am Göschwitzer Bahnhof. Und D900/D903  fuhr in den 1980er Jahren  und wurde von Reichsbahnern kurz  „Katze“ genannt: Er fuhr von Dresden über Göschwitz nach Katzhütte, den Sprung von der Weimar-Geraer-Bahn aufs Saalbahngleis schaffte der Zug, weil am Westbahnhof umgespannt wurde.  Im Fahrplan 2016 nahm  ein IC von Jena-Göschwitz aus den Weg nach Düsseldorf mit dem Umweg über Großheringen, denn noch fehlt die Oberleitung zwischen Jena und Weimar. Irgendwann soll der IC-Verkehr auf der Mitte-Deutschland-Verbindung  wiederbelebt werden.

Insgesamt fünf Bahnverwaltungen nutzten den Bahnhof: Ab 1. Mai 1874 fuhr zunächst die Saal-Eisenbahn-Gesellschaft (Strecke Großheringen – Saalfeld) über Göschwitz und ab 29. Juni 1876 die Weimar-Geraer Eisenbahn-Gesellschaft, die auch das Bahnhofsgebäude baute. Von 1895 ging die Nutzung an die Königlich Preußische Staatseisenbahn über. 1920 übernahm die Deutsche Reichsbahn, 1994 die Deutsche Bahn die Regie.

Umbau Bahnhof Jena-Göschwitz

Der neue Bahnsteig 4 des Jena-Göschwitzer Bahnhofs.

Das Empfangsgebäude wurde in den Jahren 1959 und 1996 umgebaut. Ab 1999 fand die Lehre für Verkehrsservice-Kaufleute im „Juniorbahnhof“ Göschwitz statt. Seit Einstellung der Berufsausbildung stand das Gebäude leer. Aber für einen Dornröschenschlaf ist der Standort nicht der rechte Platz. Im Durchschnitt sind hier heute 4000 Reisende täglich unterwegs. Und die Industrie wächst wieder. Nordwestlich des Bahnhofs entsteht gerade der Technologiepark „Jena21“, der renommierten Hightech-Firmen als Standort dient.

2014 erfolgte der Verkauf des Gebäudes durch die Deutsche Bahn, im folgenden Jahr begann die Bahnhof Jena-Göschwitz KG mit der Sanierung. Im südlichen Gebäudeteil sind seitdem Gewerberäume, ein öffentliches WC und ein Bistro mit Fahrkartenverkauf entstanden. Die im Obergeschoss vorhandene Wohnung wurde saniert.

In Jena-Göschwitz überholt die Erfurter Bahn den IC der DB.

Auf Gleis 2 überholt die Erfurter Bahn schon mal den IC der DB.

Die Bahnhof Jena-Göschwitz KG sieht den nunmehr gebotenen Fahrgastservice als Probelauf für das im 2. Bauabschnitt geplante „Reisezentrum“. Dieses  könnte in den bisher unsanierten nördlichen Gebäudeteil einziehen. Dort,  wo sich früher bereits zwei Wartesäle befanden.


 

Mit der Eisenbahn nach Jena-Göschwitz

Wie Reisende auf der Saalbahn die Fahrt durch Jena nach Göschwitz erleben,  wird in einem Eisenbahnreiseführer von 1981 so beschrieben:

„Einen Eindruck von der Schönheit der Jenaer Landschaft bekommt man nicht nur bei einer Wanderung in die Umgebung der Universitätsstadt, sondern schon vom Abteilfenster des Zuges aus. Bei der Fahrt durch  Jena, die Strecke verläuft auch hier immer der Saale entlag, hat der Reisende einen eindrucksvollen Blick auf die neuen Gebäude der Stadt, die zur Friedrich-Schiller-Universität  (Hochhaus)  und den bedeutenden Betrieben Jenas gehören. (…) Kurz hinter  der Blockstelle Ammerbach kreuzt die Strecke Weimar – Gera, nun geht es auf viergleisigem Bahnkörper zum Bahnhof Göschwitz, der scherzhaft oft als der eigentliche Hauptbahnhof Jenas bezeichnet wird. Das geschieht neuerdings gar nicht zu unrecht, denn seit 1979 halten bereits einige Schnellzüge  im Bahnhof Göschwitz, und die Wohnstadt Jena-Lobeda ist weit günstiger vom Bahnhof Göschwitz zu erreichen als vom Saalbahnhof oder vom Westbahnhof.“

Quelle: „Reiseziele für Eisenbahnfreunde/Bahnland DDR“, Autor: Hans-Joachim Kirsche/Transpress-Verlag Berlin, 1981